Poesie als Brücke: Iryna Yurchuk über die Sprache und das Leben
Iryna Yurchuk (Courtesy Photo)
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Poesie als Brücke: Iryna Yurchuk über die Sprache und das Leben

Was bedeutet es, aus der «Sprache des Feindes» zu übersetzen? Welche Rolle spielt die poetische Übersetzung im Dialog zwischen der ukrainischen und russischen Gegenwartsliteratur? Was weiß der durchschnittliche Europäer über ukrainische Lyrik? Kann die Übersetzungsliteratur das verbinden, was die Politik trennt? Die zweisprachige Dichterin und Übersetzerin Iryna Yurchuk beantwortet diese und weitere Fragen. Radio Liberty veröffentlicht die russische Übersetzung.

 

 

Iryna Yurchuk:

Geboren und aufgewachsen in Charkiw, lebt sie seit 2001 in Oldenburg, wo sie als Ärztin arbeitet und Gedichte in ukrainischer und russischer Sprache für Erwachsene und Kinder schreibt. Mitglied des Charkiwer Klubs der gesungenen Poesie «Jurij Wisbor». Autorin von vier Gedichtbänden. Preisträgerin des gesamtukrainischen Literaturwettbewerbs «Rukomislo» («Handwerk») sowie der internationalen Lyrikwettbewerbe «InteReality» und «Seltener Vogel». Mitglied der Redaktionsausschüsse mehrerer Literaturalmanache. Kürzlich ist im Kiewer Verlag «Друкарський двір Олега Федорова» («Der Druckhof von Oleg Fedorov») ihr Buch «Надземний перехід» («Die Überführung») veröffentlicht worden, das Gedichte zeitgenössischer russischsprachiger Autoren, die Nachdichtungen ihrer Werke ins Ukrainische und Iryna Yurchuks eigene zweisprachige Gedichte vereint.

— Wie kam die Idee zu der Anthologie zustande? Was hat Sie inspiriert?

— Mich inspirierten die Meisterschaft der von mir ausgewählten Dichter, die Bewunderung für die Poetik der Muttersprache und der Wunsch, die eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Nachdem ich eine gewisse Anzahl von Autoren und Übersetzungen zusammengetragen hatte, entstand die Idee, sie in einem Buch zu veröffentlichen. Die Arbeit daran fiel mit dem Bedürfnis zusammen, mich regelmäßig psychisch von den grausamen Realitäten des Krieges abzugrenzen, wenn ich die Flut tragischer Nachrichten nicht mehr ertragen konnte. Ich bemerkte, dass beim Vertiefen ins Übersetzen alles andere in den Hintergrund trat. So wurde es für mich auch zu einer Art Ablenkungstherapie.

— Wohin führt «Die Überführung»*?

— Ich wollte eine «Brücke» zwischen Sprachen und Epochen schlagen, zwischen den gegenwärtigen und den zukünftigen Generationen von Ukrainern — für den Übergang vom fremden Sprachraum, den die Geschichte des letzten Jahrhunderts aufgezwungen hat, zum natürlichen ukrainischen. Mein Ziel war es, diesen Übergang zu erleichtern, dabei aber bedeutende Verluste meines eigenen kulturellen Erbes vermeidend. Vor allem wollte ich das Wertvollste im Übergang zwischen den Sprachen bewahren. Genau das ist die Idee hinter dem Buch und die Bedeutung seines Titels «Die Überführung», «überirdisch» (Надземный) — denn in einem so schwierigen Übergang ist es wichtig, sich über die Streitigkeiten und Schlachten zu erheben, um die Verluste so gering wie möglich zu halten. Mich leitete auch das Interesse des Wissenschaftlers: die Erschließung und der Vergleich der Möglichkeiten, der Musikalität des Klangs zweier verschiedener Sprachen als poetische Instrumente.

«Надземний перехід» - wörtlich ins Deutsche übersetzt: über der Erde, oberirdisch befindlicher Übergang (© forall.swiss)
«Надземний перехід» — wörtlich ins Deutsche übersetzt: über der Erde, oberirdisch befindlicher Übergang (© forall.swiss)

Eine wichtige Motivation war auch das Selbststudium: Für mich ist Poesie der beste Weg, um sich eine Sprache anzueignen. Beim Übersetzen betrachtest du jedes Wort mit größter Aufmerksamkeit und analysierst die Bedeutung besonders sorgfältig; das erfordert ständiges Nachschlagen im Wörterbuch, eingehende Untersuchungen der Bedeutung der Wortformen, des Gebrauchs von Redewendungen und so weiter. Und so war das mein Weg, das eigene Ukrainisch zu perfektionieren. Mein Ukrainisch, insbesondere mein mündliches, hatte Schaden genommen, weil mich das Schicksal bereits ein Vierteljahrhundert von der sprachlichen Umgebung getrennt hatte.

— Was ist wichtiger beim Übersetzen eines Gedichts: die Bedeutung oder den Klang des Originals zu bewahren?

— Beide Komponenten sind wichtig. Übersetzen ist wie ein kleines Leben in Raum und Zeit eines Gedichts, und es ist stets ein Balanceakt zwischen zwei Fallstricken: der Angst, eine wichtige semantische Botschaft zu verlieren und vom Text und der Intention des Autors abzuweichen, einerseits, und der Gefahr, den Text durch freie Improvisation [eigenes Dazutun] zu verwässern und den, dem Dichter innewohnenden, Klang und Stil preiszugeben, andererseits. Der Übersetzer unterliegt sogar noch mehr Einschränkungen als der Dichter. Ist der Autor nur durch die Anforderungen der Form begrenzt, so muss der Übersetzer zusätzlich die Gedanken, die Gefühle und die Palette der Bilder des Autors in den Rahmen der Form integrieren. Die Form zwingt den Übersetzer manchmal dazu, sein Scheitern einzugestehen und zuzugeben, dass es ihm nicht gelingt, beide Aspekte gleichzeitig zu erfassen. Doch solche notgedrungenen Misserfolge werden oft durch kleine Erfolge ausgeglichen, wenn es gelingt, in der anderen Sprache einen würdigen Ersatz für die Intention des Autors zu finden. Und das sind wahrhaft glückliche Momente — der Lohn für all die Suche und Mühe.

— Welche Rolle spielt die poetische Übersetzung im gegenwärtigen Dialog zwischen ukrainischer und russischer Literatur?

— Ob zum Glück oder Unglück — das steht mir nicht zu, zu beurteilen, — ich sehe derzeit keinen kulturellen Dialog zwischen ukrainischer und russischer Literatur. Ich glaube nicht, dass ein solcher Dialog in den nächsten Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, möglich sein wird.

Die ukrainische Gegenwartsliteratur im Allgemeinen und die Lyrik im Besonderen leben wieder auf und entwickeln sich in rasantem Tempo, wobei sie sich bewusst und mit aller Kraft so weit wie möglich von der russischen Literatur distanzieren. Verständlicherweise wird die russische Sprache zunehmend für viele Ukrainer zu einem schmerzhaften Faktor in ihrem vom Krieg traumatisierten Alltag. Vielen fällt es schon schwer, sie zu hören, geschweige denn sie zu sprechen. Mit anderen Worten: Es geht ein natürlicher Prozess der Ablehnung und Ersetzung der weichenden russischen Sprache durch die ukrainische Muttersprache vonstatten.

Ich unterhalte enge Kontakte zur ukrainischen Gemeinschaft und habe beobachtet, dass Ukrainer zunehmend weniger Interesse auch an der Kultur ihres benachbarten Aggressorstaates zeigen. Dies ist weniger ein Zeichen des Protests als vielmehr eine Form der Selbstidentifizierung, der Selbstreinigung und sprachlichen Selbstverteidigung ihrer eigenen inneren Welt gegen die fremdländische Invasion. Die Sprache entwickelt sich in der Gesellschaft zu einer Art Immunsystem in einem lebenden Organismus.

Iryna Berliand : « La langue russe a été un instrument de destruction de l’identité ukrainienne »

Zwischen den beiden Sprachen und Kulturen hat sich nach der grausamen russländischen Invasion eine Kluft aufgetan, und diese Kluft wächst stetig weiter, wodurch ein Bestandteil unserer ukrainischen Kultur verloren zu gehen droht. Meiner Meinung nach ist das schöpferische Erbe des freien Wortes von Dichtern, die russischsprachig in der Ukraine oder im Ausland leben (oder lebten) und schreiben (oder schrieben) ebenfalls ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, meiner Kultur. Es gibt viele von ihnen. Unter ihnen sind auch jene, die jetzt an der Frontlinie, mit der Waffe in der Hand, gegen die Horden kämpfen.

— Wie haben Sie die Gedichte für das Buch ausgewählt?

— Als ich mit dem Übersetzen anfing, war von einer Anthologie noch keine Rede. Ich probierte es vor allem aus dem Interesse heraus: Würde ich das schaffen? Das war meine neue Messlatte. Ich wollte einen qualitativen Sprung ins Unbekannte wagen, meine eigenen Möglichkeiten erproben. Wenn die besten zeitgenössischen Dichter zum Freundeskreis gehören, bietet das Surfen im Internet die Voraussetzung, auf völlig zufällige Weise exzellente Texte zu entdecken.

Du stößt in deinem Nachrichtenstrom auf ein weiteres Meisterwerk, bestaunst es — und schon befindest du dich darin, in einer anderen Dimension und Realität, hörst die Musik, versinkst in den Rhythmus. Und es beginnt so etwas Ähnliches wie ein Balltanz und gleichzeitig ein Gesang im Chor mit dem Autor. Es schalten sich sprachliche Orchester ein, die aus den Tiefen des Unterbewusstseins erklingen, andere Musikinstrumente gesellen sich hinzu — und im Ergebnis wird eine qualitativ andere Musik von Klängen geboren, andere Bewegungen, eine andere sprachliche Plastik.

Einige Autoren habe ich einfach deshalb übertragen, weil ich mich unter den Strahlen und Strömen ihrer Zeilen geborgen und wohlfühle, in der Welt ihrer Poesie, wo es für die Seele behaglich, wie ein Zuhause ist, aus dem man nicht mehr weg will. Andere wollte ich übersetzen, um sie zu unterstützen: Schließlich befinde ich mich physisch außerhalb dieses Krieges, während sie mittendrin in der Hölle stecken. Ich wollte auch die Werke derer übersetzen, die nicht mehr unter uns sind, damit sie in der Zukunft für die Ukraine nicht verloren gehen. Mir schien, als sendeten sie mir Zeichen aus einer anderen Welt, als sehnten sie sich danach.

Die Beweggründe waren sehr unterschiedlich, aber einen gemeinsamen gab es für alle: Ich liebe jeden von ihnen, ohne diese Liebe ist meiner Meinung nach eine würdige Übertragung unmöglich. Es gab auch Zweifel: Würde ich das schaffen? Diese vollkommene Harmonie, die mit allen Farben des Lichts spielt — und ich… Aber Übertragen ist eine ungemein spannende Sache. Und die Leidenschaft wird stärker, je anspruchsvoller die Aufgabe ist. Die Autoren sahen das fertige Resultat, die Leser gaben ihre Zustimmung, die Linguisten trugen mitunter konstruktive Verbesserungsvorschläge bei, und ich versuchte, ihnen zuzuhören. Es war eine interessante Erfahrung des Austauschs und der Entwicklung.

Bücher von Iryna Yurchuk (Courtesy Photo)
Bücher von Iryna Yurchuk (Courtesy Photo)

— Gibt es Zeilen oder Bilder aus den übersetzten Gedichten, die Sie besonders berührt haben?

— Um diese Frage zu beantworten, müsste ich das gesamte Buch zitieren, denn ich schätze jeden Autor und jedes übersetzte Gedicht unendlich: Jedes von ihnen hat eine besondere Saite in meiner Seele berührt oder angestoßen.

Da ist die Stimme von Iryna Yevsa, mit ihrer Meisterschaft im Detail und in psychologischen Porträts, der Genauigkeit ihrer Äußerungen und dem besonderen syntaktischen Bau ihrer Sätze und Zeilen.

Die Poesie des Beginns des vollumfänglichen Krieges ist anhaltender Schmerz, festgehalten in der Erinnerung derer, die ihn durchlebt haben, wie Iryna Ivanchenko.

Und weiterhin, im Verlauf der Kriegsjahre, führt jeder Dichter sein eigenes poetisches Tagebuch und durchlebt darin seinen eigenen Weg von Prüfungen, Hoffnungen und traumatischen Erfahrungen. Aleksandr Ratner schreibt über einen verwundeten Soldaten in der Stadt Dnipro.

Und Aleksandr Kabanov in Kyjiw schreibt, wie er sich fühlt, als er Kriegsberichte über seine Heimatstadt Cherson hört.

Und es gibt verzweifelte Versuche, das Gleichgewicht derer zu bewahren, die sich weit entfernt vom Krieg befinden, auf einem anderen Kontinent, für die dieser aber eine Katastrophe ist, die Zerstörung der Grundlagen des Universums, wie Katia Kapovitch es empfindet.

Früher galt es als modern, große Wissenschaftler als «Wisente der Wissenschaft» zu bezeichnen. Überträgt man diese Parallele auf die Poesie, so sind viele der von mir übersetzten Autoren nicht nur «Wisente», sondern in meinen Augen «Mammute» der Dichtung. Tsvetkov und Kenjeev, Kabanov und Yevsa, Gandelsman und Kapovitch — sie sind solche Sprachvirtuosen, dass ihre poetischen Schätze den künftigen Generationen von Ukrainern während des Übergangs nicht verloren gehen dürfen. Meine Übersetzungen sind ein Versuch, das schöpferische Erbe jedes Einzelnen von ihnen über das sprachliche Gedächtnis zu bewahren, indem ich ihre Verse mit den semantischen Codes der ukrainischen Sprache verschlüssele und so verhindere, dass ihre Zeilen in der Eiszeit, die die russischsprachige Dichtung in der Ukraine heimgesucht hat, spurlos verschwinden.

— Wie ist es Ihnen gelungen, die einzigartigen poetischen Stimmen von achtzehn verschiedenen Autoren unter einem Buchdeckel zu vereinen und dabei Harmonie und stilistische Vielfalt zu bewahren?

— Die poetische Vision und die Stimmen verschiedener Dichter sind einzelne Welten, manchmal sogar Universen. Es waren faszinierende Reisen — zwischen ihnen hin und her zu wandeln. Wenn wir oft bei jemandem zu Besuch sind, beginnen wir, die Gewohnheiten, Eigenheiten und Regeln der Gastgeber zu verstehen; wir passen uns ihnen an, respektieren und akzeptieren sie. Jedes neue Zuhause ist völlig anders. Ich versuche, flexibel und anpassungsfähig zu sein, von innen heraus zu verstehen, mich in die Gedanken und Gefühle des anderen Menschen hineinzuversetzen. Denn der Stil eines Autors ist die Gesamtheit aller individuellen Besonderheiten, Techniken, Sichtweisen und der bildhaften poetischen Spannbreite. Er erschließt sich nach und nach, während der Reise durch die Verse des Dichters. Ein Übersetzer muss sich in den Autor hineinversetzen und in der Übertragung in seinem Namen sprechen können. Manchmal findet man eine scheinbar gelungene Übertragung — sie hält Metrum und Rhythmus ein, gibt den Sinn wieder, — doch man verwirft sie trotzdem und sucht nach einer anderen, weil solche Wortformen oder Wendungen untypisch für diesen Autor sind und im Gedicht wie ein Schandfleck wirken würden.

— Was weiß der durchschnittliche Europäer über die ukrainische Poesie?

— Als ich Anfang der 2000er-Jahre nach Deutschland kam, überraschte mich die völlige Unkenntnis der Einheimischen über die Ukraine. Sobald ich «Schewtschenko» erwähnte, drehte sich das Gespräch sofort um Fußball, nicht um Poesie. Meinen Gesprächspartnern, selbst jenen mit durchaus intellektueller Bildung, kam es nicht im Entferntesten in den Sinn, dass es auch einen Dichter und Künstler namens Taras Schewtschenko gab — einen Wegbereiter der Ideen der nationalen Würde und des Kampfes der Ukrainer für die Befreiung von der Unterdrückung Moskaus. Ich denke, die damalige russländische Propaganda spielte eine bedeutende Rolle: Wenn der durchschnittliche Europäer überhaupt etwas über die Ukraine gehört hatte, war er überzeugt, es handele sich um eine Art postsowjetisches Anhängsel Russlands, und die ukrainische Sprache sei lediglich ein russischer Dialekt.

Стихи. Александр Кабанов плюс переклади Ірини Юрчук

Jetzt ist das Bild ein anderes. Die Kriegsjahre lehrten Europa und die Welt mehr über die Ukraine als Jahrhunderte des Daseins der Ukraine unter russischer Herrschaft. Es wächst das Verständnis der Rolle und der Bedeutung der Ukraine, und damit auch das Interesse, die Sympathie und die Bewunderung für das Land und seine Sprache. Die ukrainische Sprache gewinnt für Europa und die Welt zunehmend an Bedeutung. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten zum Erlernen der Sprache — in Schulen, Gymnasien, Universitäten usw. Die ukrainische Sprache hat eine Perspektive, und meiner Ansicht nach werden sich diese Tendenzen nach dem Sieg der Ukraine und während ihres Wiederaufbaus noch verstärken.

— Wie ist es, Ärztin und Dichterin zugleich zu sein? Wie beeinflussen Schicksal und Beruf Ihren Blickwinkel als Übersetzerin?

— Ich wurde in Charkiw geboren und verbrachte dort die Hälfte meines Lebens. Dann führte mich das Schicksal in ein fremdes Land, und gerade durch die Poesie erhält sich meine Verbindung zu Gleichgesinnten, zur Ukraine und zur ukrainischen Kultur. Die Medizin lehrte mich, die Menschen besser zu verstehen, individuelle Eigenheiten zu berücksichtigen, das Natürliche und Harmonische vom Krankhaften und Chaotischen zu unterscheiden, Phänomene klar zu differenzieren, zu systematisieren, zu verallgemeinern und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, und hart, ohne Pausen zu arbeiten. Ich fühle mich schon seit langem als Dichterin, doch in den letzten Jahren habe ich viel Zeit dem Übertragen von Gedichten gewidmet. «Die Überführung» war mein erstes Buch in diesem Genre. Ich kann es selbst nicht erklären, wie es geschieht, wenn mir beispielsweise während einer Visite in einer deutschen Klinik plötzlich ein Gedicht in den Sinn kommt. Und dann laufen parallele, scheinbar unvereinbare Prozesse in verschiedenen Sprachen ab, bis das Gedicht auf ein Blatt Papier und die Diagnose sowie Verschreibungen in die Patientenakte gebracht sind. Irgendwie, wie durch ein Wunder, gelingt es.

— Was bedeutet es für Sie, in zwei Sprachen zu schreiben und vom Russischen ins Ukrainische zu übersetzen — ist es Widerstand oder Dialog?

— Ukrainisch ist unsere einzige Amtssprache, und die Ukrainisierung ist eine logische sprachliche Entwicklung. In meiner vom Krieg zerrütteten Ukraine sind die Veränderungen weitreichend. Wenn es etwas gibt, mit dem ich nicht einverstanden bin, dann ist es das Erzwingen der Ukrainisierung, womöglich mit aggressiven oder destruktiven Methoden, in unserer Kultur und in uns selbst, mit Aufforderungen, sich unbedingt und hart das Russische zu verbieten. Denn wer sich von einer Sprache abwendet, kann die eigenen Grundlagen verlieren und zerstören, die mit der Muttermilch und den ersten Lauten als Baby in uns eingingen – und das gilt für jede Sprache. Ein bedeutsamer Teil von uns ist in einem russischsprachigen Umfeld aufgewachsen — das ist eine historische Tatsache, die die russische Propaganda für ihre Kriegsziele instrumentalisiert.

Ich bin überzeugt, es ist verhängnisvoll, unsere Haltung gegenüber einem Regime, das das Ukrainische unterdrückt und zerstört hat, automatisch auf die Sprache zu übertragen. Ja, es ist die Sprache eines verbrecherischen Regimes, aber es ist auch die Sprache derer, die dagegen gekämpft haben: von Starowoitowa, Politkowskaja, Nemzow und anderen. Es ist die Sprache Mandelstams, der vom Regime gefoltert wurde, die Sprache Pasternaks, der verfolgt wurde, die Sprache Okudschawas, den ich als das Gewissen meiner Generation betrachte. Für mich ist es auch die Sprache meiner Mutter, mit ihr ist meine Seele aufgewachsen. Ich bin erschüttert von der Demontage von Denkmälern und von Sprachschlachten — sie erinnern mich zu sehr an das, was wir bereits erlebt haben und was uns in dieses historische Grauen geführt hat: Parolen wie «Aufholen und überholen», «Die Flüsse umleiten», «Wir bauen unsere, eine neue Welt», «Wir zerstören die ganze Welt bis auf die Grundmauern, und danach…»

Ich empfinde die russische Sprache nicht als mir feindlich gesonnen. Es ist meine zweite Muttersprache. Ich denke, dass man nicht verpflichtet ist, sich einer Sprache zu entsagen, nur weil sie von Diktatoren, Verbrechern und Terroristen gesprochen wird. Die Menschheit hat sich ja auch nicht von der Sprache Goethes und Schillers losgesagt, nur weil Hitler sie gesprochen hat.

Victor Fet: «The world of soviet and russian culture has long been dead»

Dabei unterscheide ich klar zwischen der russischen Literatursprache und ihrer umgangssprachlichen, wahrhaft feindseligen Variante mit ihrem Überfluss an obszönen Ausdrücken, die destruktiv ist. Dieser hässlichen Sprache trete ich entgegen. Gerade sie muss aus dem ukrainischen Sprachraum, der für solchen «Schmutz» nicht anfällig ist, entfernt und mit den Wurzeln ausgerissen werden. Was die hässlichen Wortformen betrifft, die zu uns eingewandert sind und sich eingenistet haben — genau gegen diese muss tatsächlich angekämpft werden. Ein Mensch trägt nicht die Sprache selbst mit sich durchs Leben, sondern die in ihr kodierten Konzepte und Bilder. Und was er in seine Seele aufnimmt und was er ablehnt — das entscheidet jeder selbst. Die russische Sprache erleidet im Krieg Russlands gegen die Ukraine eine Niederlage, und ich glaube, ihre Präsenz in der Ukraine wird weiter abnehmen. Denn das Eroberungsland zerstört alles und hinterlässt eine Wüste, nicht nur im Land, sondern auch im kulturellen und sprachlichen Raum.

— Woran arbeiten Sie gerade und welche Pläne für Ihr Schaffen haben Sie?

— Das Layout des nächsten Übersetzungsbandes ist im Kiewer Verlag «Друкарський двір Олега Федорова» fertiggestellt. Diesmal habe ich mich nicht auf viele Autoren konzentriert, sondern auf einen — den Kiewer Dichter Nikolai Lobanov, einen Meister der Assoziationen und einen Meister des Oxymoron. Seine Gedichte — klar, weise, lyrisch, ironisch — liegen mir seit Langem am Herzen, und sein Stil ist unverwechselbar.

Die Gedichte von Aleksandr Kabanov sind in viele Sprachen übersetzt, er ist international bekannt, und ich wünschte mir, dass seine Werke auch in der Ukraine mehr gelesen würden. Bei mir haben sich so viele Übertragungen seiner Gedichte angesammelt, dass sie ein umfangreiches Buch füllen können, das in unseren schwierigen Zeiten auf seine Veröffentlichung wartet.

Ich habe vor, die Werke russischsprachiger Poeten zu übertragen, die bei der Verteidigung der Ukraine gefallen sind. Das ist das Mindeste, was wir für sie tun können.

Es haben sich genug ukrainischsprachige Gedichte für einen eigenen Lyrikband angesammelt, und ich besitze eine beachtliche Sammlung von Kindergedichten und wollte schon lange einen schönen Kindergedichtband veröffentlichen. Pläne gibt es viele — wenn nur das Leben dafür reichte.

— Ist übersetzte Literatur in der Lage, das zu vereinen, was die Politik trennt?

— Wenn wir von übersetzter Literatur im Allgemeinen sprechen, dann ja, sie ist dazu in der Lage. Dank Übersetzungen überwinden Menschen, Nationen und Völker Sprachbarrieren, finden Gemeinsamkeiten und nähern sich tatsächlich geistig an. Ich selbst bin mit den dicken Zeitschriften «Иностранная литература» («Ausländische Literatur») und «Vsesvit» («Universum») aufgewachsen. Ich habe die Gedichte von Shakespeare und Kipling, Goethe und Rilke, Lorca und Jiménez mit Hilfe von Übertragungen aufgesogen. Was Übersetzungen vom Russischen ins Ukrainische und umgekehrt angeht, so ist das Interesse, meines Wissens nach, noch einseitig — von Seiten der Ukrainer. Beispielsweise, viele russischsprachige Texte bekannter Lieder sind heute ins Ukrainische übertragen und werden begeistert aufgeführt, wodurch sie in der Ukraine ein neues Leben erhalten. Ich habe einiges von Okudschawa auf Ukrainisch gehört — es ist ganz harmonisch, und ich glaube, er ist uns jetzt durch die Übertragung näher.

Die Ukrainer haben Unabhängigkeit, Vertrauen und Frieden stets geschätzt. Am Ende des zwölften Jahres eines verbrecherischen Krieges und des vierten Jahres einer entsetzlichen, vollumfänglichen russländischen Aggression streben wir nach einem verlässlichen, dauerhaften Frieden und nach der endgültigen Befreiung von der unterdrückenden kulturellen Dominanz eines zerstörerischen Nachbarstaates. Es fällt mir schwer, die Übersetzung ukrainischer Literatur für Russen zu beurteilen. Die Frage ist: Brauchen sie diese? Ich denke, dass die Mehrheit der Bevölkerung dieses Gebiets ohne den Bruch mit der imperialen Sichtweise die ukrainische Kultur weiterhin abwerten wird, so wie es seit Jahrhunderten mit der Ukraine und anderen sogenannten «nationalen Minderheiten und Randgebieten» geschah. Obwohl ich jedoch nicht ausschließe, dass nach dem Krieg einige ein Interesse am Ukrainischen entwickeln könnten. Aber das ist ihre Entscheidung und ihre Zukunft.

* «Надземний перехід» — wörtlich ins Deutsche übersetzt: über der Erde, oberirdisch befindlicher Übergang

Das Interview führte:

Marina Okhrimovskaya
Publizistin und Dichterin, Mitbegründerin und Herausgeberin der Zeitschrift «Schweiz für alle» / www.forall.swiss. Gedichtband «Wahrsagerei mit der Uhr», Zürich, 2021.

ÜBERSETZUNG: Kerstin Hommel

Kerstin Hommel

…geboren 1961 in Halle/Saale (DDR)

1980 — 1988 Studium und Aspirantur für Russische Sprache und Literatur an der Philologischen Fakultät der Staatlichen Universität Leningrad, Mitglied des Singeclubs;

1996-2000 Ausbildung zur Logopädin, 2000 Arbeit angestellt und ab 2003 selbständig als Logopädin tätig in eigener Praxis, Therapien auch in russischer Sprache;

Eigene Bücher: DIE HEIMAT ZU VERLASSEN. Tagebuch als Freiwillige Helferin, Hauptbahnhof, Berlin 2022. Wiljo Heinen Verlag, 2024. In ukrainischer Übersetzung durch Aleksandr Ratner «Покинути Батьківщину». Verlag Gerda, Dnipro, 2025.

Neben der Arbeit als Logopädin Übersetzungen aus der russischen Sprache, Interlinearübersetzungen von Poesie aus dem Russischen, Mitarbeit an der Herausgabe der Lyrikbände von Frank Viehweg WERMUTKRAUT. Gedichte nach Nika Turbina und AUF EINE KARTE. Gedichte nach Eldar Rjasanow. GROSSES Kind. Gedichte nach Aleksandr Ratner. Lebt seit Ende 1988 in Berlin.

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«Надземний перехід» — wörtlich ins Deutsche übersetzt: über der Erde, oberirdisch befindlicher Übergang (© forall.swiss)

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